Institutsleben
Wieso wir dringend neue Brillen brauchen: Über die Notwendigkeit einer feministischen Koranexegese und wieso das nicht gleich bedeutet, dass wir den Islam neu erfinden

📷 | Lina Bouazizi
Jede und jeder kennt das Gefühl, die Welt durch eine rosarote Brille zu sehen. Vielleicht, weil man verliebt war oder, weil man eine Sache romantisiert, die sich dann meist als nur halb so toll entpuppt. Diese Brille verzerrt unsere Wahrnehmung manchmal so sehr, dass unsere Perzeption der Realität nicht mehr auf Fakten und Tatsachen beruht, sondern allein dem rosaroten Filter zu verschulden ist. Doch genauso wie man eine rosarote Brille tragen kann, die alles rosiger und lieblicher erscheinen lässt, kann man ebenso eine Brille tragen, die sich auf bestimmte Aspekte fokussiert und andere vollkommen außer Acht lässt. Diese Brillen wurden – und werden – in der Koranexegese getragen. So geschah es, dass Gewalt verherrlicht und Frauen benachteiligt wurden (und werden). Deshalb braucht es eine Koranexegese, die sich dieser getönten Brillengläser bewusst ist und sie nicht einfach nur putzt und weiterverwendet, sondern sie dezidiert in den Blick nimmt. In diesem Essay möchte ich auf die verschiedenen Schritte eingehen, die eine jede und ein jeder in Auseinandersetzung mit religiösen Quellen – bzw. allgemein im Leben – durchlaufen sollte.
Schritt I: Bemerken, dass man eine Brille trägt
Die Message dieses Essays kann nur ankommen, wenn jeder sich eingesteht, dass er bereits eine Brille trägt. Vielleicht sind die Gläser nur ganz leicht getönt und verzerren die Realität nur minimal, in jedem Fall sind sie aber immer da. Vielleicht bei der oder dem Lesenden dieses Essays, der oder dem gar nicht aufgefallen ist, dass ich zu Beginn dieses Absatzes nur die männliche Leserschaft angesprochen habe. Vielleicht dann, wenn man zum ersten Mal über einen Hadith nachdenkt, den man jahrelang einfach hingenommen hat und bemerkt, dass die Auslegung jenes eigentlich recht problematisch ist. Diese Brille muss nicht unbedingt auf Feminismus bezogen sein, sie kann sich auch auf andere Phänomene oder allgemein Irrglauben beziehen.
Es geht um das Verstehen der eigenen Position. Darum, sich bewusst zu werden, dass man eine Brille trägt. Diese Bewusstwerdung geht meist mit einem Aha-Moment einher. Oft sitzt die Brille aber schon so lange auf der Nase, dass sie schon fast eins mit ihrer Trägerin oder ihrem Träger wurde. Das macht es schwer, die Brille als Brille und die Sicht durch die Gläser nicht als Realität, sondern lediglich als mögliche Auslegung jener wahrzunehmen.
Im Titel dieses Essays ist von einer feministischen Koranexegese die Rede. Das bedeutet nicht, Texte „einfach feministisch“ zu lesen und auszulegen. Eine feministische Koranexegese geht in einem ersten Schritt konkret auf die patriarchale Lesart bestimmter Textstellen oder patriarchale Machtstrukturen in der Auslegung ein. Die Bewusstmachung der patriarchalen Brille gilt also als Voraussetzung für das Aufsetzen einer feministischen und jeden weiteren Schritt.
Schritt II: Brille ablegen und untersuchen
In diesem Schritt geht es darum, zu hinterfragen. Zu hinterfragen, was denn schon alles durch die Brille betrachtet und dadurch verzerrt wurde. In der Einleitung habe ich geschrieben, dass es mehr braucht, als die Brille einfach nur zu putzen und wieder aufzusetzen. Etwas Derartiges passiert leider oft: Problematische Auslegungen werden durch dezent weniger problematische ersetzt, das Gedankengut bleibt in seiner Essenz aber dasselbe. Man kann eine Brille so gut putzen wie man will, wenn die Gläser getönt sind, bleiben sie auch nach dem Schrubben getönt. Genau deshalb braucht es eine gründliche Untersuchung der bisher getragenen Brille sowie ein Erfassen ihrer bisherigen Wirkung auf die Wahrnehmung. Wie sehr hat sie die eigene Wahrnehmung beeinflusst? Das ist die Frage, die man sich stellen muss, bevor man die Brille in einem nächsten Schritt auswechselt.
Schritt III: neue Brille aufsetzen und Text neu lesen
Nachdem man patriarchale Strukturen identifiziert hat, untersucht man die Texte nochmals mit einer feministischen Brille. Ich habe gezögert, hier von einer feministischen Brille zu sprechen, da dieses Wort oft völlig falsche Konnotationen hervorruft. Viele setzen das Wort feministisch mit Begriffen wie liberal oder – Gott bewahre – verwestlicht gleich. Feminismus setzt sich für die Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern ein. Feminismus bedeutet nicht, dass Frauen bestimmten Tätigkeit nachgehen müssen, sondern einfach, dass sie frei wählen können. Allein deshalb sollten Feminismus und feministische Lesarten im Interesse aller liegen, zumindest aller Frauen.
Aber zurück zu unserer Brille: Mit der Definition ist hoffentlich klar geworden, dass mit der feministischen Lupe einfach eine nicht-patriarchale gemeint ist. Weil aber patriarchale Machtstrukturen so tief in unsere Gesellschaft und unseren Alltag greifen, dass sie schon Wurzeln geschlagen haben, müssen wir explizit dazu sagen, wenn wir etwas nicht normgemäß machen. An dieser Stelle möchte ich auf Simone de Beauvoir (1992) verweisen, die diesen Umstand in wenigen Worten zusammengefasst hat: „Die Darstellung der Welt, wie die Welt selbst, ist das Werk der Männer; sie beschreiben sie aus ihrem eigenen Gesichtspunkt, den sie mit der absoluten Wahrheit verwechseln.“ Die männliche Perspektive gilt also als die normale Point of View; alles, was hier nicht dazugehört, ist eine Abwandlung jener. Die Frau und ihre Wahrnehmung ist das Andere. Der Normalzustand, die Norm, ist männlich. Um diesem Normalzustand entgegenzuwirken, braucht es eine Veränderung, die aber gar nicht so revolutionär ist, wie sie klingt. Die Veränderung, die durch die feministische Lupe einhergeht, ist einfach die, dass Frauen nun die Chance haben, auch in den Blick genommen zu werden. Man bemerke hier das auch; auf den Mann wird nicht vergessen, aber der ist sowieso immer inkludiert.
Feministische Koranexegese gibt Frauen die Chance, zum Subjekt anstatt zum Objekt zu werden. Sie werden als eigenständige Individuen betrachtet, die ebenso in den Quellen angesprochen werden.
Schritt IV: Mut haben, eine andere Brille zu tragen (auch wenn eine ganz besonders beliebt ist)
Viele denken, dass wir den Koran mit der feministischen Exegese verzerren, aber wer kann garantieren, dass wir ihn vorher nicht schon verzerrt gelesen haben? Gibt es überhaupt ein unverzerrtes Lesen? Eine grundlegende Sache, von der ich wünschte, dass sie jede und jeder verstehen würde ist die, dass feministische Les- und Auslegungsarten nicht Dinge dazu erfinden, sondern einfach Frauen auch eine Chance geben, in den Blick genommen zu werden. Fakt ist, dass gesellschaftliche Umstände wie das Patriarchat unsere Wahrnehmung beeinflussen. Folglich ist eine feministische Auslegung eine Methode, um der bereits stattgefundenen Verzerrung entgegenzuwirken. Demnach sollte feministische Exegese die Norm ausmachen, denn sie gibt sowohl Männern als auch Frauen die Möglichkeit, gesehen, angesprochen und thematisiert zu werden. Nun wird aber oft das Argument gebracht, dass wir den Islam neu erfinden, liberalisieren und verwestlichen würden, wir versuchten ihn zu modernisieren.
Jeder und jede kennt das Gefühl, die Welt durch eine Brille zu sehen, aber nicht jede und jeder ist imstande, sie wahrzunehmen, geschweige denn abzulegen. Noch seltener ist es, die Brille auszuwechseln und den Blick durch die neuen Gläser auf sich wirken zu lassen. Ich habe hier für die Notwendigkeit einer feministischen Exegese argumentiert, allerdings gibt es so viele andere Fokusse, die man wählen kann. Eine nicht-eurozentrische Exegese, die kein Othering betreibt, wäre äußerst interessant. Ebenso eine, die Intersektionalität als Ganzes in den Blick nimmt oder eine andere, die beeinträchtigte Menschen in den Mittelpunkt stellt. Es gäbe noch so viele mehr – was ich damit sagen möchte, ist, dass der Perspektivenwechsel durch irgendeine Brille schon so ein Riesenfortschritt wäre, dass ich mich damit erstmal zufrieden geben würde. Ich hoffe, dass dieser Essay zum Gläser-Putzen Gläser-Wechseln inspiriert.
Lina Bouazizi
Quellenverzeichnis:
Beauvoir, S. de. (1992). Das andere Geschlecht: Anstiftung zur Sklavenrevolte (U. Fritz, Übers.). Rowohlt. (Originalarbeit veröffentlicht 1949).
