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Nennt mich nicht Hijabi!

📷 | Ayat-Narin Nowzad

Ich bin Muslima.

Der Titel mag zunächst widersprüchlich klingen. Doch der Widerspruch löst sich auf, wenn man genauer hinsieht.

Ich trage das Kopftuch, weil ich mich dadurch Gott verbunden fühle. Einige Frauen fühlen sich sicherer, andere verstehen es als Ausdruck ihrer Spiritualität oder schlichtweg als Gebot Gottes, dem sie folgen. Unabhängig davon, welche Bewegungsgründe vorliegen, für viele Frauen ist das Kopftuch Ausdruck einer selbst bestimmten Beziehung zu Gott. Umso widersprüchlicher erscheint es, wenn ihnen gerade diese Selbstbestimmung abgesprochen wird, indem andere festlegen wollen, was ihr Kopftuch bedeutet und weshalb sie es tragen.

Ich bin keine Hijabi.

Ich bin Muslima.

Der Unterschied mag für manche zunächst unverständlich erscheinen, doch er verändert alles.

Denn, wenn man mich als „Hijabi“ bezeichnet, wird mein Kopftuch zu meiner Identität. Plötzlich scheint alles, was ich tue, durch diese eine Entscheidung definiert zu werden. Jeder meiner Handlungen wird zum Maßstab dafür, wie eine muslimische Frau angeblich sein sollte.

Macht man einen Fehler, ist es nicht mehr einfach der Fehler einer Muslima, sondern es heißt:

„Dabei trägt sie doch Hijab.“

Lache ich laut, werde ich gefragt, ob das zu einer Hijabi passt.

Vertrete ich eine Meinung, soll sie plötzlich stellvertretend für alle muslimischen Frauen gelten.

Und genau hier liegt die Kritik. Mit dem Kopftuch scheinen Menschen nicht nur Stoff zu sehen, sondern ihre eigenen Erwartungen, Vorurteile und Projektionen. Mit dem Wort „Hijabi“ kommt eine Erwartungshaltung. Plötzlich bin ich nicht mehr einfach eine Muslima, die versucht, ihren Glauben zu leben. Ich werde zu einer Projektionsfläche. Menschen erwarten von mir moralische Perfektion, ständige Freundlichkeit, Gelassenheit und Fehlerlosigkeit. Jeder Fehltritt scheint schwerer zu wiegen, weil er nicht mehr nur mir zugeschrieben wird, sondern dem Kopftuch, das ich trage.

Kaum eine Gruppe innerhalb des Islams erfährt derart viele Projektionen, wie die bedeckte Frau.

Ich trage es nicht, damit Menschen in mir ein Ideal sehen. Ich trage es, um meiner Gottesbeziehung Ausdruck zu verleihen.

Doch diese Entscheidung macht mich nicht weniger fehlbar. Weniger Sünderin.
Weniger Mensch.

Dabei bezeichnen wir interessanterweise nie andere religiöse Praktiken als Identität.
Niemand nennt sich selbst einen „Betenden“ oder einen „Fastenden“. Nein, wir sagen schlicht: „Ich bin Muslim.“

Denn das Gebet, das Fasten oder die Zakat sind Bestandteile unseres Glaubens, nicht unsere gesamte Identität. Warum wird ausgerechnet der Hijab so häufig zur primären Bezeichnung einer Frau?

Weil er sichtbar ist? Weil Sichtbares leichter zu beurteilen ist als das Unsichtbare?

Liegt nicht genau darin die Gefahr?

Eine Muslima wird auf ihre Bedeckung reduziert, während ihre Frömmigkeit, ihr Charakter, ihre Bildung, ihre Werte, ihre Entwicklung und ihre Menschlichkeit in den Hintergrund treten.

Das Urteil liegt letztlich nicht bei uns, sondern bei Gott. Sollten wir uns dann nicht auch den Freiraum zugestehen, dieses Urteil wirklich Ihm zu überlassen?

Ich umgehe den Begriff „Hijabi“ als Identitätsmarker bewusst, weil ich meine Bedeckung als Gotteshandlung verstehe und nicht als Definition meines Selbst. Meine Kritik richtet sich demnach nicht gegen das Kopftuch, sondern gegen die Reduktion einer muslimischen Frau darauf. Ich wünsche mir deshalb, dass man mich zuerst als Muslima wahrnimmt. Als einen Menschen mit Überzeugungen, Fehlern, Stärken, Schwächen…und einem Kopftuch. Nicht umgekehrt.

Ayat-Narin Nowzad

why, oh why

why, oh why
do you need to pry?

why, oh why
does it make you think I lie
when I say I am a believer?

why, oh why does the absence of a piece of fabric make me not as devout,
or proud?

why, oh why do my actions not speak as loud
as my hair?
out in the open, bare

why, oh why do I need to share
my reasons?

E. S. (Pseudonym)