Kunst & Kultur
Zeig mir deine Gedanken über deine Eltern, und ich sage dir, wie du dir Gott vorstellst

📷 | Belkisa Latić
Wie kommt es dazu, dass Menschen unterschiedliche Gottesbilder entwickeln?
Kinder machen schon früh Erfahrungen mit Vertrauen, Sicherheit und Nähe. Insbesondere die ersten Beziehungen zu den Bezugspersonen können Auswirkungen darauf haben, wie das Kind andere Beziehungen wahrnimmt (The Open University, o. D.). Deswegen frage ich mich, ob solche frühen Erfahrungen auch eine wichtige Rolle dabei spielen können, wie der Mensch später Gott wahrnimmt.
Erich Fromm schrieb in seinem Buch Die Kunst des Liebens : „Wenn jemand […] seine kindliche Abhängigkeit von einem strafenden und belohnenden Vater […] beibehält, dann kann er keine reife Liebe zu Gott entwickeln; dann befindet sich seine Religion noch in jener früheren Phase, wo Gott als die allbeschützende Mutter oder als der strafende und belohnende Vater erlebt wurde.“ (Fromm, 2020).
Aus den Worten Erich Fromms leite ich ab, dass das Kind Gott durch die Erfahrungen, die es mit den Bezugspersonen gemacht hat, erlebt. Wenn es sich emotional nicht von den Eltern lösen kann, frage ich mich, ob dadurch auch die Entwicklung einer eigenständigen und bewussten Gottesbeziehung erschwert werden kann.
Ich habe schon oft beobachtet, wie manche Eltern ihre Kinder in einem Schwarz-Weiß-Denken erziehen und somit auch vieles als erlaubt und/oder als verboten kategorisieren. Dazwischen bleibt nicht viel. Wie denn auch, wenn wir die unterschiedlichsten Farben noch nie gesehen haben?
Oft habe ich mitbekommen, wie Eltern ihren Kindern kurze Antworten geben, und frage mich, ob es für die Entwicklung des eigenen Denkens einen Unterschied macht, ob ein Kind zusätzlich eine Erklärung oder Begründung erhält. Eine kurze Antwort muss dabei nicht unbedingt schlecht sein. Vielleicht ist es aber relevant, ob das Kind die Möglichkeit bekommt, weiter nachzufragen und sich eigene Gedanken zu machen. Vielleicht übernimmt das Kind erst einmal bestimmte Vorstellungen, weil es noch keine anderen Möglichkeiten kennt. Das bringt mich zu der Frage, ob es irgendwann anfängt, nachzufragen und nicht alles hinzunehmen, was ihm vermittelt wird.
Margaret Mahler entwickelte ein Modell verschiedener Entwicklungsphasen, die vor allem die ersten drei Lebensjahre beschreiben. Dabei geht es darum, wie sich das Kind schrittweise von seiner primären Bezugsperson löst und eine eigene Identität entwickelt. Zunächst orientiert es sich stark an der Bezugsperson, bevor es zunehmend selbstständiger wird und beginnt, die Welt eigenständig zu erkunden (Donhauser, 2015).
Wenn man diese Entwicklung betrachtet, stellt sich für mich die Frage, ob sich auch die eigene Vorstellung von Gott im Laufe dieser Entwicklung verändert. Zuerst übernimmt das Kind vieles von seinen Eltern. Mit der zunehmenden Loslösung beginnt es aber, sich selbst als eigene Person wahrzunehmen. Für mich stellt sich dabei die Frage, ob das Kind dadurch auch beginnt, Dinge selbst zu hinterfragen.
Was, wenn eine Person schon erwachsen ist, sich aber emotional noch nicht von den Eltern gelöst hat? Ich frage mich, ob die Beziehung zu den Eltern dann weiterhin Einfluss darauf haben kann, wie man Gott wahrnimmt. Vielleicht ist die Person noch von der Anerkennung der Eltern abhängig und übernimmt deshalb auch weiterhin bestimmte Vorstellungen, ohne sie selbst zu hinterfragen. Oder entwickelt sich die eigene Gottesvorstellung irgendwann unabhängig davon?
Ich denke, dass die Art, wie wir unsere Eltern sehen und wahrnehmen, auch beeinflussen kann, wie wir Gott wahrnehmen. Wie hat unsere Mutter mit uns gesprochen, als wir jünger waren? Wurden wir bestraft, als wir einen Fehler begangen haben? Wurde uns Liebe geschenkt, als wir sie gebraucht haben, oder mussten wir uns die Liebe verdienen? Wie nehmen wir diese Erfahrungen in unserer Beziehung zu Gott wahr? Werden wir von Gott bestraft, wenn wir eine Sünde begehen? Werden wir von Gott erhört, wenn wir Ihn um etwas bitten? Fühlen wir uns Gott nahe, wenn wir uns allein fühlen?
Mir stellt sich im gleichen Atemzug die Frage, ob wir Menschen unsere Erfahrungen mit unseren Eltern überhaupt eins zu eins auf Gott übertragen können. Wir hören immer wieder, dass Allah durch Eigenschaften wie Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Vergebung beschrieben wird, aber Allah ist mit keinem Menschen gleichzusetzen. Interessant finde ich auch, dass wir immer wieder versuchen, Allah mit unseren menschlichen Worten und Vorstellungen zu beschreiben. Ist es nicht schön zu wissen, dass Allah uns die Möglichkeit gegeben hat, etwas über Ihn zu erfahren, und wir uns gleichzeitig immer wieder bewusst machen können, dass unsere menschlichen Vorstellungen nicht alles über Ihn erfassen?
Im Koran heißt es in Sure 42, Āya 11: „Nichts ist Ihm gleich“ (Bubenheim & Elyas, o. D.).
Unsere Erfahrungen mit unseren Eltern können vielleicht beeinflussen, wie wir Gott wahrnehmen, aber sie sind nicht der einzige Einfluss auf unsere Gottesvorstellung. Hier stellt sich mir die Frage, ob wir es schaffen, zwischen unseren eigenen Erfahrungen und unserer Gottesvorstellung zu unterscheiden.
Nach John Bowlbys Bindungstheorie entwickeln Kinder eine innere Vorstellung von ihrer Beziehung zu ihren primären Bezugspersonen. Diese Vorstellung kann die Grundlage für spätere Beziehungen bilden (Whitbourne, 2012).
Ich frage mich, ob sich diese Erkenntnis auch auf die Beziehung zu Gott übertragen lässt. Wenn ein Kind beispielsweise gelernt hat, dass Liebe nicht selbstverständlich ist, sondern verdient werden muss, könnte es später auch Schwierigkeiten haben, sich eine bedingungslose Liebe Gottes vorzustellen. Hat es dagegen erfahren, dass es trotz Fehlern angenommen und geliebt wird, könnte es leichter sein, auf Gottes Barmherzigkeit und Vergebung zu vertrauen. Allahs bedingungslose Liebe bedeutet für mich, dass Er uns trotz unserer Fehler immer wieder die Möglichkeit gibt, zu Ihm zurückzukehren, aus ihnen zu lernen, an uns zu arbeiten und zu wachsen. Von Gott bedingungslos geliebt zu werden, bedeutet meines Erachtens nicht, fehlerfrei sein zu müssen, sondern auch dann geliebt zu werden, wenn man nicht vollkommen ist.
Natürlich bedeutet das nicht, dass unsere Eltern allein bestimmen, wie wir Gott sehen. Jeder Mensch macht unterschiedliche Erfahrungen und entwickelt sich auf seine eigene Weise. Die Eltern müssen nicht zwingend das religiöse Vorbild sein, denn wie oft hört man Geschichten darüber, dass jemand konvertiert und die Eltern nichts mit der Religion zu tun haben. Das zeigt mir, dass Eltern nicht der einzige Einfluss auf das Gottesbild sein können. Vielleicht können auch spätere Erfahrungen eine Rolle spielen. Ein Mensch kann zum Beispiel erst als Erwachsener beginnen, sich intensiver mit Religion zu beschäftigen. Wenn jemand in dieser Zeit Menschen kennenlernt, die ihm eine ganz andere Vorstellung von Religion und Gott vermitteln, könnte dies sein bisheriges Gottesbild beeinflussen. Trotzdem frage ich mich, ob die Erfahrungen aus der Kindheit dabei nicht weiterhin eine Rolle spielen. Vielleicht nehmen wir neue Erfahrungen auch durch das wahr, was wir bereits über Liebe, Vertrauen und Nähe gelernt haben.
Ich behaupte nicht, dass eine schlechte Erfahrung mit den Eltern automatisch zu einer negativen Gottesvorstellung führt. Die Beziehung zu den Eltern und die eigene Gottesvorstellung sind nicht dasselbe.
Das erinnert mich an Sure 39, Āya 18, in der es heißt: „Die auf das Wort hören und dann dem Besten davon folgen. Das sind diejenigen, die Allah rechtgeleitet hat, und das sind diejenigen, die Verstand besitzen“ (Bubenheim & Elyas, o. D.).
Für mich bedeutet dieser Vers in dieser Konstellation, dass wir nicht alles, was wir hören, unreflektiert übernehmen sollten. Wir können zuhören, darüber nachdenken und uns bewusst mit dem auseinandersetzen, was wir hören.
Kurz gesagt könnte man sagen, dass Eltern uns beibringen, die ersten Schritte zu gehen, wir aber dann loslassen müssen, um selbstständig weitergehen zu können.
Letztendlich trägt jede erwachsene Person selbst die Verantwortung für ihre individuellen Entscheidungen. Eltern können ihr Kind beeinflussen und versuchen, es zu lenken, aber ein erwachsener Mensch wird irgendwann selbst lenken müssen.
Mit meinem Essay will ich Eltern und Gott nicht gleichstellen. Wichtig ist mir, dass wir bewusst leben, unsere Denkvorgänge reflektieren und Dinge stets hinterfragen. Es geht mir hier weniger um Richtig und Falsch, sondern um Reflexion und Bewusstsein.
Ich denke, dass Eltern sehr wohl ein wichtiger Faktor für unsere Gottesvorstellung sind, aber nicht der einzige. Ich bin der Meinung, dass wir Menschen, wenn wir anfangen, nachzudenken, zu hinterfragen und bewusster zu leben, mehr im Einklang mit uns selbst sein können.
Während des Schreibens des Essays bin ich selbst immer wieder auf Fragen gekommen, die sich im Laufe meines Lebens vielleicht ändern werden. Was bleibt, ist die Neugier und der Wunsch, Allah immer wieder kennenlernen zu wollen.
Achte darauf, wie du über Allah sprichst, und frage dich, ob du nicht insgeheim über jemand anderen sprichst.
Liridona Syla
Quellenverzeichnis:
Bubenheim, ʿ. F., & Elyas, N. (o. D.). Der edle Qur’an und die Übersetzung seiner Bedeutung in die deutsche Sprache. Abgerufen am 24. September 2026, von
https://islamische-datenbank.de/quran-koran?action=display&surano=39&ayatno=18.
Donhauser, G. (2015). Psychologie und Philosophie SB. Österreichischer Bundesverlag.
Fromm, E. (2020). Die Kunst des Liebens. Manesse Verlag
The Open University (o. D). Attachment in the early years. OpenLearn. Abgerufen am 24.
September 2026, von
https://www.open.edu/openlearn/education-development/early-years/attachment-the-early-years/content-section-0?intro=1
Whitbourne, S. K. (2012). American Psychological Association. Von American Psychological
Association. Abgerufen am 24.09.2026, von
https://www.apa.org/ed/precollege/topss/lessons/life-development.pdf?utm_source=
Mehr als schöne Schrift

📷 | Aiesha Chiban
„Warum Kalligrafie?“ Diese Frage wird mir oft gestellt. Eine kurze Antwort darauf fällt mir jedoch schwer, denn Kalligrafie ist für mich mehr als nur schönes Schreiben. Sie fordert mich heraus und hilft mir gleichzeitig, zur Ruhe zu kommen.
Das Wort „Kalligrafie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „schönes Schreiben“. In der islamischen Tradition hat die Kalligrafie einen besonderen Stellenwert. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Koran. Mit seiner Niederschrift gewann auch die arabische Schrift an besonderer Bedeutung, da seine Verse mit großer Sorgfalt festgehalten wurden. Dadurch wurde die Gestaltung der Schrift mit der Zeit immer weiter verfeinert. Kalligrafische Schriften finden sich deshalb nicht nur in Koranmanuskripten, sondern auch in Moscheen, auf Kuppeln, auf Keramiken und auf verschiedenen Alltagsgegenständen.
Hinter einem kalligrafischen Werk steckt viel mehr als Kreativität. Jeder Buchstabe folgt bestimmten Regeln und Proportionen. Die Größe eines Buchstabens wird mithilfe von Punkten gemessen, die mit der Spitze des Kalligrafiestifts entstehen. Auf diese Weise verbindet die Kalligrafie für mich Kunst mit Präzision und Ästhetik mit Mathematik.
Wenn ich einen Koranvers kalligrafisch schreiben möchte, beginnt meine Arbeit schon vor dem eigentlichen Schreiben. Zuerst lese ich den Vers mehrmals und achte auf seine einzelnen Wörter. Danach überlege ich, wie ich die Buchstaben anordnen kann und welche Form am besten zur Bedeutung des Verses passt. Denn kleine Fehler könnten das gesamte Bild ändern.
Genau deswegen lehrte mich die Kalligrafie vor allem Geduld. Als ich angefangen habe, fiel es mir schwer, selbst einen einfachen Buchstaben wie das Alif oder nur einen einzelnen Punkt richtig zu schreiben. Auch die Haltung des Stiftes und die passende Tintenmenge musste ich erst lernen. Manchmal war es zu viel Tinte, manchmal zu wenig. Was auf einem fertigen Werk einfach aussieht, ist in Wirklichkeit das Ergebnis vieler Versuche.
Einer der Koranverse, den ich besonders gerne schreibe, lautet: (إِنَّ اللَّهَ مَعَ الصَّابِرِينَ) „Wahrlich Allāh ist mit den Geduldigen“ (Koran 2:153; Rassoul, 2013).
Früher habe ich diesen Vers gelesen und seine Bedeutung verstanden. Wenn ich ihn jedoch heute kalligrafisch schreibe, beschäftige ich mich manchmal mehrere Stunden mit den einzelnen Wörtern. Dadurch habe ich mehr Zeit, über seine Bedeutung nachzudenken. Gleichzeitig erinnert mich der Vers daran, beim Schreiben geduldig zu bleiben und nicht sofort aufzugeben, wenn ich etwas nicht richtig geschrieben habe.
Geduld brauchen wir im Studium, im Beruf und auch im Alltag. Für mich ist Kalligrafie deshalb zu einer persönlichen Übung geworden. Wenn ich einen Buchstaben nicht richtig schreibe, versuche ich es noch einmal. Manchmal muss ich sogar von Anfang an beginnen.
Oft werde ich auch gefragt: „Was steht da?“ Diese Frage kommt häufig von Menschen, die kein Arabisch sprechen. Obwohl sie den Inhalt zunächst nicht verstehen, bleiben sie an den geschwungenen Linien und harmonischen Formen hängen. Das zeigt mir, dass Kalligrafie Menschen auch unabhängig von der Sprache ansprechen kann.
Kalligrafie macht also nicht nur Worte sichtbar. In jedem Werk erkennt man auch die Zeit, die Sorgfalt und die Geduld, die dahinterstecken. Vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die sie mir bisher beigebracht hat. Geduld ist nicht einfach angeboren. Sie wächst mit jedem neuen Versuch und mit jedem Fehler, nach dem man sich entscheidet, trotzdem weiterzumachen.
Aiesha Chiban (@ainoor.2021)
Quellenverzeichnis:
Rassoul, M. A. (Übers.) (2013). Der Koran: Die Übersetzung seiner Bedeutung in der deutschen Sprache. Goodword Books und IB Verlag Islamische Bibliothek.
Für ein Vielleicht

📷 | Belkisa Latić
Würdest du mir einen Granatapfel schälen,
dich beflecken,
mit dem roten Saft
zwischen deinen Fingern,
unter deinen Nägeln,
Kern für Kern
mir bringen?
Würdest du mich suchen
in einem Raum,
der zu laut ist,
zu laut für meinen Namen,
unter all den Stimmen und Gesichtern,
den Kopf etwas neigen,
meinem Blick begegnen?
Würdest du mir einen Kaffee machen,
die Bohnen mahlen,
jeden Morgen aufs Neue:
nicht zu stark,
nicht zu bitter,
mit Milch,
bis du irgendwann nicht mehr fragst?
Würdest du eine lose Wimper nehmen,
sie auf deine Fingerspitze legen,
sie mir hinhalten,
innehalten,
bis ich die Augen schließe,
sie fortpuste
für ein Vielleicht?
Belkisa Latić
