Wissenschaft & Bildung
Verdient Einstein wirklich seinen Ruhm oder war er einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

📷 | Belkisa Latić
Wie ihr ja alle wisst, gilt Albert Einstein als Genie. Viele wissen zwar nicht wofür, aber zumindest ploppt eventuell bei der Erwähnung seines Namens das schwarz-graue Bild mit der ausgestreckten Zunge vor einem auf. Aber wie viel hat er davon selbst verdient? Er hat sich weder den Zeitpunkt seiner Geburt noch seine Begabung oder die Welt, in die er hineingeboren wurde, ausgesucht. Einstein hat natürlich gelernt, gearbeitet und geforscht, das will ich ihm gar nicht absprechen. Trotzdem wirkt es unverschämt, einem Menschen seinen Erfolg auf Glück zu reduzieren. Aber hätte dasselbe Talent einige Jahrhunderte früher dieselbe Anerkennung gehabt? Und wie viele potenzielle Einsteins sind nie zu Einsteins geworden, weil ihnen die Zeit, die Bildung, das Geld oder einfach nur die Gelegenheit gefehlt haben? Ich fasse mal all die Fragen zusammen: Wie viel von dem, wofür wir Menschen loben oder nur allzu gerne verurteilen, haben sie tatsächlich selbst in der Hand? Und was passiert, wenn wir diese Frage nicht nur auf Erfolg, sondern auch auf moralische Verantwortung und Schuld beziehen?
Thomas Nagel (1979) bezeichnet genau dieses Problem als moral luck. Zunächst steht dahinter, wie ich finde, ein ziemlich einleuchtender Gedanke: Du, ich, wir alle sollten Menschen eigentlich nur für das moralisch beurteilen, was unter ihrer Kontrolle liegt. Seine Überlegung beginnt Nagel mit Kant, für den der moralische Wert des guten Willens gerade nicht davon abhängt, ob tatsächlich zum gewünschten Ergebnis geführt wird. Was schließen wir daraus? So wie Erfolg eine Absicht nicht automatisch besser macht, macht Pech sie nicht automatisch schlechter. Klingt fair enough, oder? Aber diesem Gedanken folgt nicht jedes moralische Urteil.
Ich demonstriere es mal mit einem Beispiel von Nagel (1979): Stell dir mal zwei Autofahrer oder zwei Autofahrerinnen vor, die sich fahrlässig gleich verhalten. Beide haben beispielsweise versäumt, die Bremsen rechtzeitig überprüfen zu lassen. Plötzlich läuft ein Kind über die Straße bei der einen Person. Sie bremst zu spät und das Kind stirbt. Die andere Person kommt heil zu Hause an. Bei ihr passiert nichts. Nochmals: Die Fahrlässigkeit war dieselbe und ob ein Kind plötzlich auf die Straße läuft, lag außerhalb ihrer Kontrolle. Trotzdem beurteilen wir die erste Person wesentlich strenger. Deutlicher wird es bei einem betrunkenen Fahrer oder einer betrunkenen Fahrerin. Ob deren Rücksichtslosigkeit „nur“ Rücksichtslosigkeit bleibt oder einem Menschen das Leben kostet, kann schlicht davon abhängen, ob sich zufällig jemand auf dem Fahrweg befindet. Meine Frage an dich: Bestrafen wir wirklich die Entscheidung oder manchmal das Pech? Und genau hier liegt das Problem des moral luck. Nagel (1979) unterscheidet mehrere Formen davon. Unserer Kontrolle entziehen sich teilweise nicht nur die Folgen unseres Handelns, sondern auch die Situationen, in die wir geraten, unsere Neigungen, Fähigkeiten und Teile unseres Charakters. Es geht also nicht mehr nur darum, dass jemand zur falschen Zeit am falschen Ort war, sondern vielmehr darum, wie viel von dem, wofür wir eine Person moralisch beurteilen, wirklich unter ihrer Kontrolle stand.
Ich erwähnte, dass Nagel (1979) mehrere Formen von moral luck beschrieben hat. Ich möchte nur auf eine davon etwas näher eingehen: circumstantial luck. Nicht alle bekommen dieselben Gelegenheiten, moralisch zu scheitern oder moralisch zu glänzen. Jemand kann davon überzeugt sein, dass er in einer gefährlichen Situation mutig handeln würde. Diese Überzeugung kann er sein Leben lang haben. Tritt diese Situation nicht ein, muss er es nie beweisen. Eine andere Person wird aber vor diese Entscheidung gestellt und sie versagt. Der eine bleibt in den Augen seiner Mitmenschen ein anständiger Mensch, der andere ein Versager. Vielleicht unterscheiden sich die beiden Personen weniger in ihrem Mut als in der Prüfung, vor die sie gestellt wurden. Und wenn Menschen schon nicht vor dieselbe Prüfung gestellt werden, kommt mir eine Frage in den Sinn (als hätten wir bis jetzt nicht schon genug davon gehört): Kann man von ihnen überhaupt dann dasselbe verlangen?
Ein Gedanke dazu wäre die Auferlegung göttlicher Verpflichtungen, also das Konzept taklīf. Gimaret (2012) verweist auf einen Grundsatz: „Allah erlegt keiner Seele mehr auf, als sie zu leisten vermag“ (Q 2:286). Die Verpflichtung wird damit nicht völlig losgelöst von den Möglichkeiten und Fähigkeiten eines Menschen gedacht.
Vielleicht lässt sich mit diesem Gedanken im Hinterkopf ein Problem unserer eigenen Urteile erkennen: Wir sehen nicht immer, unter welchen Voraussetzungen eine Person handeln muss, sondern nur, wie sie handelt. Wir sehen zwar das Ergebnis, aber nicht jede Möglichkeit, die ihr offenstand. Geben wir nun endlich zu, dass wir beim Loben und Verurteilen so tun, als würden alle am selben Startpunkt beginnen? Vielleicht besteht Gerechtigkeit also nicht gerade darin, jeden Menschen exakt nach demselben Maßstab zu beurteilen. Wie wir hoffentlich spätestens jetzt wissen, besitzen Menschen nicht dieselben Fähigkeiten, begegnen nicht denselben Versuchungen, wachsen nicht unter denselben Bedingungen auf und werden nicht vor denselben Entscheidungen gestellt. Der oder die eine muss seinen Mut beweisen, während der oder die andere ein Leben lang mit dem Glauben leben darf, mutig zu sein.
Es wäre zu einfach, moral luck als eine philosophische Ausrede zu benutzen: „Ich kann nichts dafür, ich hatte nur Pech.“ So einfach kommen wir nicht davon. Einstein hat seine Forschung nicht im Schlaf betrieben und der betrunkene Autofahrer hat sich nicht unbewusst dafür entschieden, sich ans Steuer zu setzen. Vielleicht wäre es ein Anfang, vorsichtiger damit zu sein, wie schnell und sicher wir urteilen. Vielleicht hat Einstein seinen Ruhm verdient. Vielleicht hatte er nur verdammt viel Glück. Wahrscheinlich stimmt beides davon. Wir wissen nun, dass Glück unsere Leistungen und Fehler beeinflusst. Eine letzte Frage möchte ich euch aber noch stellen: Warum sind wir so davon überzeugt, genau zu wissen, wo Glück aufhört und das Verdienst oder die Schuld beginnt?
Belkisa Latić
Quellenverzeichnis:
Bubenheim, F., & Elyas, N. (Übers.). (2003). Der edle Qurʾān und die Übersetzung seiner Bedeutungen in die deutsche Sprache (2. Aufl.). König-Fahd-Komplex zum Druck vom Qurʾān.
Gimaret, D. (2012). Taklīf. In P. J. Bearman (Hrsg.), Encyclopaedia of Islam, Second Edition.Brill.
Nagel, T. (1979). Moral luck. In Mortal questions. Cambridge University Press.
Darf die Medizin alles, was sie kann?

📷 | Belkisa Latić
Stellt euch vor, ihr begeht eine Straftat und flüchtet vom Tatort. Ihr denkt, ihr hättet alles hinter euch sauber gemacht. Keine Fingerabdrücke, keine offensichtlichen Spuren. Doch die Polizei findet trotzdem etwas: einen Tropfen Blut, ein bisschen Speichel oder ein Haar.
Mehr braucht es vielleicht nicht.
Aus einer solchen biologischen Spur kann DNA gewonnen und ein genetisches Profil erstellt werden. Dieses kann, je nach Datenbank und rechtlichen Rahmenbedingungen, anschließend mit anderen DNA-Profilen abgeglichen werden. Eine winzige Spur kann plötzlich auf einen Menschen verweisen. So werdet ihr gefasst (Antwerpes, et al., 2011).
Jetzt sitzt ihr bereits hinter Gittern und bekommt eine Nachricht:
Ein chinesischer Wissenschaftler hat es geschafft, das Erbgut menschlicher Embryonen gezielt zu verändern.
Da schießt euch ein Gedanke durch den Kopf: Könnte ich nicht einfach mein eigenes Erbgut verändern und damit meine genetische Identität so weit verändern, dass man mich nicht mehr identifizieren kann?
Absurd? Ja. Der Gedanke klingt zunächst nach Science-Fiction. Tatsächlich sind wir von einer Welt, in der man seine genetische Identität einfach wie ein Passwort ändern kann, noch sehr weit entfernt. Aber, dass wir überhaupt darüber nachdenken können, liegt daran, dass wir heute Technologien besitzen, mit denen sich das menschliche Genom gezielt verändern lässt.
Eine der bekanntesten davon ist CRISPR-Cas9.
Vereinfacht gesagt, ermöglicht CRISPR-Cas9, bestimmte Abschnitte der DNA gezielt zu verändern. Die Technologie eröffnet enorme Möglichkeiten für die Medizin. Genomeditierung wird unter anderem erforscht und eingesetzt, um bestimmte Krankheiten zu behandeln. Bei der sogenannten somatischen Genomeditierung werden dabei Körperzellen eines Patienten verändert, ohne dass die Veränderung an zukünftige Generationen weitergegeben wird. Davon zu unterscheiden ist die Keimbahn- bzw. vererbbare Genomeditierung, bei den Veränderungen grundsätzlich an Nachkommen weitergegeben werden können. Gerade diese Form wirft besonders weitreichende ethische Fragen auf (Organization, 2026).
Und genau hier wird es interessant.
Denn, wenn wir ausschließlich Krankheiten behandeln können, scheint die Sache zunächst ziemlich hervorragend und harmlos. Aber was passiert, wenn wir nicht mehr nur Krankheiten behandeln?
2018 sorgte der chinesische Wissenschaftler He Jiankui weltweit für Aufsehen. Er gab bekannt, die Genome menschlicher Embryonen mit CRISPR verändert zu haben. Die daraus entstandenen Kinder wurden als genetisch editiert geboren. Sein Ziel war unter anderem, das Gen CCR5 zu verändern. Dieses Gen spielt eine Rolle dabei, wie HIV bestimmte Immunzellen infizieren kann. Wichtig ist dabei: HIV selbst ist keine genetisch vererbte Krankheit. He Jiankui wollte vielmehr durch die Veränderung von CCR5 eine mögliche Resistenz beziehungsweise geringere Anfälligkeit gegenüber HIV erreichen. Sein Vorgehen wurde international massiv kritisiert (Marcos Alonso, 2021).
Der Fall zeigt ein Problem, das weit über HIV hinausgeht: Nur weil wir etwas können, bedeutet das automatisch, dass wir es auch tun sollten?
Gehen wir dreißig Jahre in die Zukunft. Plötzlich können wir dann nicht nur bestimmte schwere Erbkrankheiten verhindern, sondern auch immer genauer verstehen, welche genetischen Faktoren mit verschiedenen menschlichen Eigenschaften zusammenhängen. Vielleicht können wir bestimmte körperliche Eigenschaften beeinflussen. Vielleicht wird es eines Tages möglich sein, bestimmte Formen des sogenannten Human Enhancement, also der menschlichen Optimierung über das bloße Wiederherstellen von Gesundheit hinaus, technisch umzusetzen (Kurzgesagt, 2019).
Und dann stehen wir vor einer ganz anderen Angelegenheit.
Was wäre, wenn Eltern in Zukunft nicht mehr nur schwere Erbkrankheiten verhindern könnten? Was wäre, wenn sie irgendwann zwischen verschiedenen genetischen Möglichkeiten wählen könnten?
Ein größeres Kind. Mehr Muskelmasse. Bestimmte körperliche Merkmale. Vielleicht irgendwann sogar Eigenschaften, die mit kognitiven Fähigkeiten oder Verhalten zusammenhängen.
Dann würden wir nicht mehr nur darüber sprechen, kranke Menschen gesund zu machen. Wir würden darüber sprechen, welcher Mensch als „besser“ oder „optimal“ gilt. Und wer entscheidet das?
Vielleicht möchte eine Gesellschaft besonders intelligente Menschen. Eine andere legt größeren Wert auf körperliche Leistungsfähigkeit. Wieder eine andere könnte bestimmte äußere Merkmale bevorzugen. Was heute wie eine persönliche Entscheidung einzelner Eltern klingt, könnte dadurch irgendwann zu einer gesellschaftlichen Erwartung werden (Kurzgesagt, 2019).
Und es geht nicht nur um die Frage, was technisch möglich ist. Es geht auch um die Frage, wer sich diese Möglichkeiten leisten kann. Sagen wir, genetische Optimierung wäre teuer, dann könnten sich zunächst nur wohlhabende Familien bestimmte Vorteile für ihre Kinder leisten. Aus medizinischem Fortschritt könnte dadurch eine neue Form sozialer Ungleichheit entstehen. Die Weltgesundheitsorganisation weist deshalb bei der Diskussion über Genomeditierung nicht nur auf medizinische Chancen, sondern auch auf Fragen von Sicherheit, Gerechtigkeit, Zugang und gesellschaftlichen Auswirkungen hin (Organization, 2026).
Und genau hier stellt sich eine Frage, die auch aus islamischer Perspektive relevant wird: Was soll medizinischer Fortschritt eigentlich bewirken?
Eine islamische Auseinandersetzung mit neuen Technologien muss dabei nicht voraussetzen, dass jede einzelne Technologie bereits ausdrücklich in den religiösen Quellen erwähnt wird. Das Konzept der Maqāṣid al-Sharīʿah, der übergeordneten Ziele der islamischen Rechtsordnung, bietet einen Ansatz, auch neue und bislang unbekannte Fragestellungen zu beurteilen. Dabei stehen nicht nur einzelne Vorschriften, sondern auch übergeordnete Ziele wie Gerechtigkeit, Menschenwürde und das Gemeinwohl im Mittelpunkt (Auda, 2008, S. 3).
Bezogen auf die Genomeditierung bedeutet das: Nicht allein die Frage, ob wir einen Eingriff technisch durchführen können, ist entscheidend. Ebenso wichtig ist die Frage, welchem Zweck dieser Eingriff dient und welche Folgen er für den Einzelnen und die Gesellschaft haben kann.
Eine Therapie, die einen Menschen vor einer schweren Krankheit schützen oder eine bestehende Erkrankung behandeln soll, ist dabei zunächst anders zu betrachten als eine genetische Veränderung, die darauf abzielt, einen gesunden Menschen nach bestimmten gesellschaftlichen Vorstellungen zu „optimieren“. Die Grenze zwischen Behandlung und Human Enhancement, also der gezielten Verbesserung menschlicher Eigenschaften über die Wiederherstellung von Gesundheit hinaus, stellt dabei auch in der islamischen Diskussion eine zentrale ethische Frage dar (Shabana, 2022, S. 389).
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen der Medizin des 21. Jahrhunderts.
Die Frage ist nicht mehr nur:
Was kann die Medizin?
Sondern:
Darf die Medizin alles, was sie kann?
Denn je weiter sich unsere technischen Möglichkeiten ausdehnen, desto wichtiger wird es, über ihre Grenzen nachzudenken.
Und vielleicht müssen wir uns gerade jetzt fragen, welche Grenzen wir festlegen wollen, bevor die Technologie uns die Entscheidung abnimmt.
Wallāhu aʿlam.
Aïchath Idrissou
Quellenverzeichnis:
Antwerpes, F., Ostendorf, N., van den Höfel, N., Reh, F., Beyer, D., Freyer, T., & Mathies, L. (26. Juni 2011). Genetischer Fingerabdruck. Von Flexikon:
https://flexikon.doccheck.com/de/Genetischer_Fingerabdruck abgerufen
Auda, J. (2008). Maqasid al-Shariah as philosophy of Islamic law – a systems approach. London:
The international institute of Islamic thought.
Kurzgesagt, D. E. (9. Jänner 2019). CRISPR – Gentechnik wird alles für immer verändern. Von Youtube.com:
https://www.youtube.com/watch?v=ZAz1GutJGbg abgerufen
Marcos Alonso, J. S. (5. Mai 2021). He Jiankui´s gene‐editing experiment and the non‐identity problem. Von National Library of Medicine:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8524470
Organization, W. H. (14. September 2026). Human genome editing. Von World Health Organization:
https://www.who.int/health-topics/human-genome-editing#tab=tab_1 abgerufen
Shabana, A. (2022). Between Treatment and Enhancement: Islamic Discourses on the Boundaries of Human Genetic Modification. Journal of Religious Ethics 50, no. 3, 386-411.
